Sonntag, 3. April 2011

IM ALTEN ÄGYPTEN


Jährlich besuchen Millionen von Touristen die Pyramiden von Gizeh. Was machen die da eigentlich?
Von Max Küng
«Die erste Toblerone der Welt», sagt unser Guide und zeigt auf die fünftausend Jahre alte Cheops-Pyramide. «Napoleon sagte, mit den Steinen der Pyramide könne man eine Mauer um ganz Frankreich bauen. Aber nehmen Sie sich Zeit. Wir treffen uns in einer Stunde wieder. Und vergessen Sie nicht: Sagen Sie einfach La shukran, sehen Sie keinem in die Augen, gehen Sie einfach weiter, tun Sie so, als existierten Sie überhaupt nicht.»
Wenn das so einfach wäre. Wenige Schritten weg vom Parkplatz, wo so viele Busse stehen, dass man mit ihnen eine Mauer um ganz Frankreich bauen könnte, geht es schon los: «You want a camel? No? Later? Alligator?» «La shukran», sagt eine Frau. «La shukran  nein danke.» «Ah», sagt der Mann und macht ein hämisches Gesicht, «you speak our language! Very good!» Sie geht weiter, den Blick fest auf die Pyramide gerichtet, bis sie über einen Stein stolpert. Einer zwischen Kind und Mann mit Oberlippenflaum fragt: «German?» Ich nicke, weil ich denke, wenn ich nicht nicke, dann fragt er «French?» und dann «Italian?» und so weiter bis ans Ende aller Tage. «Football?»  «Ja. Fussball. Klar. Fussball gut.» — «Klose?» — «Klose, aber sicher!»  «Klose! Ballack?»  «Ballack! Michael Ballack.» Und er ruft Namen des deutschen Nationalfussballers, und es klingt wie eine arabische Beschwörung «Mi-chal Ba-lakk!». Die Silben werden vom Wind in die Wüste getragen wie die zerfetzten weissen Plastiksäcken überall.
Sein Freund stellt sich als Mostafa vor. Eine Sekunde später hat man drei Plastikpyramiden in der Hand, einen Hut auf dem Kopf, der ausschaut wie ein Rabennest, einen Kugelschreiber im Sack und eine weiche Hand auf der Schulter. «Friend! Present!», und Mostafa sagt, es handle sich dabei um ein Geschenk, und dann fängt er an zu reden von dem, was ihn am meisten interessiert nach dem Fussball: Frauen. Nach der Lehre Mostafas ist es so: Die besten Frauen kommen aus Ägypten. «Very horny. Very wild. Screaming loud.» Die Zweitbesten aus Norwegen. «They like my milk», grinst er. Die Drittbesten aus Holland. Die Schweiz kommt am Ende. «Too cold!», sagt Mostafa.
Ich bin nach Ägypten gefahren, weil ich als Kind einen Film sah. Der Film war grösser als ich, und in dem Streifen kamen Pyramiden vor, zuckende Mumien und unter der Sonne Nordafrikas schwitzende Archäologen mit Wahnsinn in den Augen. Damals verstand ich nichts, doch ich beschloss, irgendwann diese Pyramiden mit eigenen Augen zu sehen  das Einzige der sieben Weltwunder, das noch steht. Wenn das kein Grund für eine Reise ist.
Bismarck und Mickey
Auch wenn man es sich fest vornimmt, dass es nicht passiert, so geschieht es doch: Man landet zwischen den Höckern eines Kamels. Meines heisst Mickey Mouse und das andere Bismarck. So heisst es nicht, weil sein Besitzer ein spezielles Interesse für deutsche Politik des 19. Jahrhundert hat, sondern hat mit Begeisterung für Mechanik zu tun: Bismarck war der Name einer Motorradmarke, die in den Fünfzigerjahren damit warb, ohne Panne durch ganz Afrika gefahren zu sein.
Bismarck hat eine klaffende Wunde am Maul, aber trotzdem ist es gut gelaunt, und Mickey Mouse leidet unter Blähungen. Ein Kamel ist ein faszinierendes Tier, aber es hat unvernünftig lange Beine, und wer noch nie auf einem Kamel ritt, der sollte sich gut festhalten, wenn es sich nach zwei, drei Stockschlägen vom Boden erhebt, auf jeden Fall wäre ich beinahe heruntergefallen, und ich dachte: Was für ein blöder Abgang das wäre: Genickbruch hinter Gizeh. Was für ein Ende. Dann reiten wir hundert Meter gemächlich auf unseren furzenden Untersätzen in Richtung der Pyramiden, bis der Treiber stehen bleibt; er ruft «Picture, good place!».
Und er hat recht. Die Pyramiden, sie sehen sehr gut aus, auch wenn man sie von Abbildungen sattsam kennt, so ist es doch ein grosser Moment, sie vor sich zu sehen. Die kleine von Mykerinos, in der Mitte jene seines Vaters Chephren mit ihrer charakteristischen Kappe auf der Spitze, Reste der ursprünglichen Verkleidung mit Kalkplatten, und schliesslich die grösste Pyramide überhaupt, jene von Chephrens Vater, dem Pharao Cheops, der sie errichten liess als seine Grabstätte zu einer Zeit, als wir hier noch in der Jungsteinzeit steckten. 147 Meter hoch war sie einst, heute noch 138,75 Meter ganz genau, gebaut aus drei Millionen Steinblöcken, ein jeder 2,5 Tonnen schwer.
Nach drei wegen des weltgeschichtlichen Gewichts des Gesehenen nicht unschweren Gedankens und zwei Schnappschüssen aus hoher Warte geht es zurück.
Früher lagen die Pyramiden ausserhalb der Stadt. Heute ist Kairo dicht herangewachsen. Eine halbe Stunde fährt man, gerne auch länger, je nach Verkehr, der so unberechenbar ist wie eine Naturgewalt, dann ist man in Downtown Kairo. Motorräder und Autos, Autos und Motorräder, Kleinbusse, aus deren offenen Schiebetüren Menschen hängen in voller Fahrt, noch mehr Autos und Lastwagen mit verrückten Mehrklanghörnern, Autos kreuz und quer und immer einer auf der Hupe, oder zwei, oder drei, oder alle zusammen (obwohl ein generelles Hupverbot existiert seit ziemlich genau zehn Jahren).
Und dazwischen Menschen, die wagemutig oder fatalistisch, man weiss es nicht, die Strassen queren, als sei es ein Spiel oder ein Sport. Lärm und der Dreck, Rinderhälften, die an groben Seilen vor Schlachtereien von Abgasen geräuchert in den Staub bluten, Staub aus der Wüste, und zwei, die aufeinander losgehen, wer weiss weshalb, Stapel von frisch gebackenem Brot an der Auffahrt zur Nilbrücke, Autowracks, grosse Billboards, welche die Strassen säumen: «Arab’s Got Talent»; «Cairo Uptown», Werbung für ein neues Leben in der alten Stadt.
Unser Fahrer heisst Hassan Hamed, genannt Mr Hassan. Eigentlich ist er Buchhalter, aber als Buchhalter gab es nichts zu verdienen. Dann wurde er Vertreter für Casio-Uhren, die er den Tauchshops in Sharm al-Sheikh vertickerte. Als er genug gespart hatte, kaufte er sich vor einem Jahr einen neuen Hyundai, beschaffte sich die nötigen Lizenzen und ist seither freischaffender Taxifahrer und glücklich. Hassan ist 46 Jahre alt, Vater von vier Kindern, und in den letzten elf Monaten fuhr er mit seinem Hyundai 64 000 Kilometer, was eine beachtliche Leistung ist, denn wie man weiss, werden in Kairo drei Viertel des Benzins im Stillstand verbraucht. Er raucht Kette, und weil es gerade Zeit ist für ein Mittagessen, schnippt er die Kippe aus dem Fenster und hält am Strassenrand, um Mittagessen zu kaufen. Sein Standardmenü: «Bread and Chipsi»  ein Laib Brot und eine Tüte Kartoffelchips mit Käsearoma der Marke Fox.
Der TUR-TUR-Effekt
Wir sind auf dem Weg nach Sakkara, zwanzig Kilometer von Gizeh entfernt nilaufwärts, wo die berühmte Stufenpyramide steht. Wie alle Pyramiden steht sie am westlichen Ufer des Stroms. Niemals wurde auf der anderen Nilseite eine errichtet, denn im Westen versinkt die Sonne, und dort war das Reich der Toten. « EGYPT IS THE LAND OF CIVILISATION » verkündet ein Schild am Ortseingang. Es steht schon sehr lange dort  aber «lange» ist hier ein relativer Begriff.
An der Stufenpyramide von Sakkara staunen weit weniger Touristen als in Gizeh, alles ist eine Stufe entspannter, auch die Verkäufer; die Uniformierten mit automatischen Waffen patrouillieren auf Kamelen und gehen einen nicht um Bakschisch an. Die Pyramide ist teils mit einem Holzgerüst verkleidet. Sie wird gerade renoviert, aber die Archaik des Gerüstes lässt einen meinen, man sei Tausende von Jahren zurückgebeamt worden, man sei dabei, wie eben die Pyramide errichtet wird auf Geheiss des zweiten Pharaos der dritten Dynastie: Djoser hiess er. Mit Djosers monumentalem Königsgrab begann die Epoche der Pyramiden, 2650 Jahre vor Christus, die ihren Höhepunkt in Gizeh erfahren sollte  es ist unbekannt, wie viele Pyramiden bis zum Erlöschen der ägyptischen Kultur gebaut wurden. Hundert sind heute bekannt. Viel mehr werden es gewesen sein.
Je näher man den Pyramiden kommt, desto kleiner werden sie, wie der Scheinriese Tur Tur in den Jim-Knopf-Büchern. Am grössten sehen die Pyramiden aus grosser Entfernung aus. Erst durch die Distanz entfalten sie ihre Majestät, ihre monumentale Gewalt. Und am allerbesten sehen sie aus der Ferne aus, abends, wenn das Licht der Sonne flach hereinkommt, Flaubert schrieb in seinem «Reisetagebuch aus Ägypten»: «Man muss die Pyramiden in der untergehenden Sonne sehen.» Ist man ihnen zu nahe, so kann man sie kaum mehr erfassen, zu dicht ist man auf dem Bild, das sie abgeben, zu viele Details erkennt man, zu sehr verliert man sich in den einzelnen Brocken, den Steinen, den Pixeln eines Bildes.
Man muss lieben
Mr Hassan fährt uns auf den Mokattam, einen Berg im Osten Kairos, oberhalb der Zitadelle gelegen. Am Rand des Mokattam liegt die Corniche, die Panoramastrasse, von der man einen Blick hat auf das Tal, das der Nil ins Land gefressen hat, und hinten glänzen im schwindenden Licht des Tages die Pyramiden von Gizeh. Es ist dieser Blick, den Flaubert meinte. Am Strassenrand stehen Wagen, und in den Wagen sitzen Männer und Frauen. Sie kommen nicht der Aussicht wegen, sondern weil man hier weit weg ist von den Augen, die sehen könnten, was sie nicht sehen sollten.
Hier oben auf dem Berg ist man nicht nur über der Stadt, sondern auch über den Moralvorstellungen einer strengen Gesellschaft. In jedem Auto sitzt ein Mann und eine Frau, und sie reden, und manche halten sich, und andere küssen sogar. In der heruntergekommen Bar namens Virginian Club trinken schweigende Pärchen Bier, während in der Stadt die Lautsprecher angeworfen werden, aus denen die 17-Uhr-Lobpreisungen der Muezzins ertönen. Mr Hassan findet das nicht richtig, was die Leute hier oben tun. «Aber sehen Sie mich an, ich bin ein alter Mann mit grauen Haaren.» Mr Hassan ist tolerant, seine Ansichten sind beinahe buddhistisch. «Man muss lieben, dann bekommt man die Liebe zurück.» Und als er es sagt, fasst er sich mit der linken Hand ans Herz, er schlägt sie flach auf die Brust, als hätte er einen Infarkt erlitten, er lächelt, tut einen tiefen Zug an seiner Kleopatra. Er ist nicht sicher, ob man auch verstanden hat, also zeigt er durch die Windschutzscheibe seines Hyundai auf ein vertrocknetes Bäumchen am Strassenrand: «Sie müssen diesen Baum lieben, dann kommt die Liebe zurück. Verstehen Sie?» Ich nicke, wie ich noch nie genickt habe in meinem Leben.
Cognac oder Whisky?
Mitten in Downtown Kairo steht das Hotel Windsor, und kaum hat man den Metalldetektor am Eingang durchschritten, betritt man einen Ort, an dem die Zeit stehen geblieben ist. Seit 1962 ist hier nichts mehr passiert. Dass man im Hotel Windsor entspannt ist, das merkt man nicht erst beim Frühstück, aber spätestens dort, denn die Butter kommt aus Dänemark. Von den Wänden des Windsor lacht eine blonde Frau, Skistöcke in den Händen, eine Dunkelhaarige trinkt von einem Brunnen, sie steckt in einer roten Tracht. Gstaad und St. Moritz werden beworben, Klosters Parsenn, «Fly there by Swissair», sagt ein Mädchen auf Schlittschuhen, und Fotos hängen gerahmt über orientalischen Möbeln in der Lobby: Ansichten von Bern, als die Männer noch Hüte trugen und die Ware per Pferd geliefert wurde, der Zähringerbrunnen mit dem Zytgloggeturm dahinter. Der Ort hat Schweizer Vergangenheit. An der Réception werden die Telefonate gestöpselt, und das Scherengitter der Lifttüre ächzt, und nicht minder ächzt der Lift, den ein Boy hochfahren lässt. Das teuerste Zimmer kostet 60 Dollar. Es ist grösser als das Wohnzimmer daheim, und die Möbel sind älter als man selbst.
Blick in das Reich der Toten — und irgendwo davor fliesst der Nil.
Das Windsor gehört William Doss. Er ist der Spross einer Baumwolldynastie, ging 1935 zum Studium nach Reading bei London. Er ist 96 Jahre alt, trägt Anzug, Krawatte, Seidenschal. Heute feiert er Weihnachten in seiner Wohnung in Roxy, dreissig Autominuten von Dowtown entfernt. Es ist der 7. Januar, Weihnachten für jene, die dem julianischen Kalender folgen; die Doss gehören zur 10-Prozent-Minderheit der Kopten. Unter dem Tannenbaum türmen sich die Geschenke.
Es ist mittags um zwei, die Familie kommt zusammen, auf dem Buffet stehen Platten mit Aufschnitt und Käsefondue. Seine Tochter bietet Drinks an. «Cognac? Whisky?» William sitzt auf dem Sofa und nippt an einem Glas Rotwein. «Unser bester Kunde damals war ein Schweizer, es war dieser Reinhart, ich erinnere mich.» Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs brachte Doss zurück nach Kairo. Auf Bildern ist er zu sehen, mit seiner Frau, in schicken Kleidern, modisch, Hüte, Pelz und kurze Röcke, es könnten Fotos sein aus Paris oder Mailand zu der Zeit, aber es ist Kairo  oder besser: war Kairo. Es war damals König Faruks Ziel, aus Kairo das Paris am Nil zu machen. Dann kam die Revolution, es kam Gamal Abdel Nasser und mit ihm der arabische Sozialismus. Die Artdéco-Gebäude wurden geschlossen oder der Verwahrlosung überlassen als Mahnmale der Dekadenz einer vergangenen Epoche. Die Familie Doss wurde enteignet.
Schliesslich schlug seine Frau vor, es doch mit einem Hotel zu versuchen. Ein Schweizer namens Frey überliess ihm das Hotel Windsor unter der Bedingung, es wie sein eigenes Kind zu behandeln. Es gibt noch drei andere Kinder. Zwei Söhne führen heute das Hotel, Tochter Marileez lebt in Chicago. Zum Weihnachtsfest flog sie in ihre alte Heimat. Wie eine ägyptische Reinkarnation von Jackie Kennedy steht sie auf der Dachterrasse des Hauses ihres Vaters und sagt: «Früher war hier Wüste, nichts als Wüste.»
Jetzt steht das Gebäude mitten in der Stadt. Vor wenigen Tagen tötete eine Autobombe vor einer Kirche in Alexandria 23 Christen, verletzte an die hundert. Die Doss sind alarmiert. «Ja, wir sind sehr besorgt», sagt Marileez. Ihr Vater sagt: «In erster Linie glaube ich an Gott.» Und dann, nach einem Schluck, leise, wie zu sich: «It’s all going down the drain.»
Wenig später stehen wir wieder im Stau, und Mr Hassan zündet sich eine Kleopatra an und drückt vorsichtshalber auf die Hupe. Wir sprechen über die anstehenden Präsidentschaftswahlen. Mr Hassan sagt: «Es ist egal, wer gewinnt, so lange die Strassen okay sind und im Land Friede herrscht. Ich hoffe, dass jemand von der Armee an die Macht kommt. Es braucht eine starke Hand. Demokratie ist nichts für uns.» Politik interessiert Mr Hassan nicht sonderlich und auch den Rest des Volkes nicht, meint er.
«Gott hat alles erschaffen, die Welt, so, wie sie ist  deshalb ist sie gut. Die Häuser, die Autos, alles hat Gott erschaffen.» Mr Hassan sagt, es komme so, wie Gott es will. Und Adolf Hitler sei schon okay gewesen, bis er merkt, dass seine Kunden das nicht so okay finden.
Wir fahren nach Dahschur, dreissig Kilometer südlich von Kairo, und erstmals erhält man eine Ahnung von der Fruchtbarkeit des Landes am Nil. Wo neben dicken Palmen Ackerbau betrieben wird und die Fellachen mit den primitivsten Mitteln ihre Felder bestellen.
Men need more sexi
Mr Hassan spricht gerne über das Internet. «Ich sage meinen Söhne: Lest gründlich. Prüft alle Quellen. Lest die Zeitung, im Internet, mein Gott, das Internet!» Er hebt beide Hände vom Steuer, um sie preisend in die Luft zu werfen, was sehr schön wäre, wenn nicht gerade ein LKW mit Anhänger auf uns zu rasen würde, weil der gerade einen anderen Lastwagen mit Anhänger überholt, was Mr Hassan dazu bringt, die eine Hand doch wieder ans Lenkrad zu legen
«Very bad driver», sagt er knapp, um dann wieder von der Genauigkeit der Prüfung der Quellen zu sprechen. Für ihn steht nach Prüfung aller Quellen etwa fest, wer hinter den Anschlägen des 11. Septembers steckt: natürlich Israel.
In Dahschur stehen auf einem Felsplateau mehrere Pyramiden. Die ältesten stammen aus der vierten Dynastie: Die von Snofru errichtete Knickpyramide, die älteste Bauruine der Welt, die ihre charakteristische Form erhielt, weil man während der Errichtung den Böschungswinkel änderte, da wegen nicht idealer Bodenbeschaffenheit und Baupfusch das Monumentalwerk absackte. Snofru war mit der Knickpyramide als Grabstätte nicht zufrieden. Deshalb liess er unweit davon die Rote Pyramide errichten, so benannt wegen ihres rötlichen Kalksteins. Um in die Grabkammer zu gelangen, steigt man erst eine Treppe hinauf auf 28 Meter, um einen niedrigen Gang 62 Meter wieder hinab zu kriechen. Schon in der ersten der drei Kammern erschlägt einen fast der Geruch: Ammoniak. Und es ist heiss hier unten. Es gibt Leute, die kommen zum Meditieren in die Kammern der Pyramiden, denn nirgends auf der Welt sei die Energie der Erde geballt wie hier. Heute sind keine Esoteriker da, bloss drei Teenagerinnen aus den USA, die auch hereingeschlichen kamen, Tücher vor den Mund gepresst, die eine stöhnend: «Ich glaube, ich muss mich übergeben.» Die andere: «Ich glaub, ich sterbe.» Dafür wäre es nicht der übelste Ort. Aber Pyramiden haben schon mehr ertragen als drei dicke Mädchen. Schon von Zeitgenossen wurden sie geplündert, durch die Jahrhunderte immer wieder, und so weiss man heute nicht, ob Snofru wirklich hier beigesetzt wurde. Drei Kammern sind im Inneren, zwei zwölf Meter hohe Vorräume, gegen oben spitz zulaufende elf Stufen, gefertigt mit einer Präzision, die einen erschaudern lässt. Zuhinterst, erreichbar durch eine knarrende Treppe, liegt die eigentliche Grabkammer: acht Meter lang, vier breit, vierzehn hoch. Es ist tatsächlich beeindruckend, und man könnte noch ewig hier unten stehen und staunen, aber mir kommen zu viele Momente aus «Indiana Jones» in den Sinn, Skorpione und Schlangen und Flüche, und eine schwache, aber seltsame Furcht ergreift mich. In einer geordneten Flucht krieche ich den Gang wieder hoch, dem Licht entgegen und der frischen Luft. Der Ammoniakgestank tötet fast. Der Grund: tausend Jahre alte Fledermausscheisse. Wieder auf der Erde, schlottern die Knie. Schwindel überkommt mich. Ich habe von Leuten gehört, die nach dem Besuch dieser Pyramide krank wurden, im Bett lagen mit diffusen Beschwerden.
Auf der Rückfahrt erzählt Mr Hassan wieder vom Islam. Es geht darum, dass Männer bis zu vier Frauen heiraten dürfen, was Mr Hassan sehr gut findet. Er sagt: «Men need more sexi.»
Ich, der Terrorist
Es gibt diesen Song von den Bangles: «Walk like an Egyptian». Am nächsten Tag verstehe ich das Lied erstmals. Durch die Kriecherei in die Grabkammer holte ich mir den Muskelkater meines Lebens. Zuckend wie ein BSE-Rind gehe ich durch Kairo, aber irgendwie passt es zum Chaos um mich herum, und als mich aus einem Auto im Stau jemand inbrünstig anrülpst, kam mir ein Satz in den Sinn, der zu Indiana Jones gesprochen wurde, als er auf der Jagd nach der Bundeslade in Kairo eintrifft und von einem Freund empfangen wird: «Kairo  eine höllische Stadt, aber das Paradies auf Erden.»
Ein Paradies liegt nahe dem Nil: das ägyptische Museum.

120 000 Artefakte warten im Museum, um besichtigt zu werden. Wenn ich bei jedem Objekt eine Minute verharre, dann werde ich in zwölf Wochen das Gebäude wieder verlassen können. Doch zuerst muss man in das Museum hineinkommen. Es gibt Metalldetektoren, schnauzbärtige Wachmänner, geladene Gewehre. Einer tritt an mich heran, er sagt ganz ruhig: «I know you have a gun.» Zuerst denke ich, ich hätte nicht richtig verstanden, aber sogleich wiederholt er seinen Satz. «I know you have a gun.» Natürlich weiss ich, dass ich keine Pistole habe, aber trotzdem macht mich der Wachmann nervös.
Ich hatte von einer deutschen Touristin gehört, die ein Foto von der Wüste machte, die aber nicht bloss Wüste war, sondern militärisches Gelände  sie wurde neun Stunden verhört. Er schaut mir in die Augen und wiederholt den Satz. Ich verneine selbstverständlich, doch er schüttelt nur den Kopf, ganz so, als begreife ich den Ernst der Lage nicht. «Ich weiss, Sie haben eine Pistole, und Sie wollen ins Museum, um dort Menschen zu töten. Ich weiss es. Und wissen Sie, woher ich es weiss?» Er zeigt auf einen anderen Mann, der keine Uniform trägt, sondern einen schwarzen Anzug und einen ebensolchen Rollkragenpullover. «Er arbeitet beim Geheimdienst, und er sagte mir, sie haben eine Waffe und wollen Menschen töten.» Der im Anzug tritt nun zu uns heran. Die beiden nicken sich zu und schauen ernst. Dann spüre ich etwas Kühles, Hartes an meinem Hinterteil, etwas wird in meinen Hosenbund geschoben. Der im Anzug tritt einen Schritt zurück, hebt beide Hände, so, dass ich seine Handflächen sehen kann, ganz so wie ein Zauberer, dann tritt er wieder dicht an mich heran, greift in meinen Hosenbund und zückt eine Pistole, hält sie in die Höhe und sagt ohne Aufregung in der Stimme: «Eine Pistole! Er hat eine Pistole!»
Als ich durch die Türe ins Museum trete, kann ich noch ihr Lachen hören. Dann sehe ich mir Sarkophage an, Throne und tausend Dinge aus dem Grab des Tutenchamun. Erstaunlich, was in diesem Land hervorgebracht wurde, damals, vor fast 5000 Jahren. 
Max Küng ist «Magazin»-Reporter.

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